Offener Brief an das Redaktionskollegium der Wochenschrift für Anthroposophie "Das Goetheanum"

Lieber Herr Rapp, sehr geehrte Mitglieder der Redaktion,

Menschen, die heute nach der Anthroposophie Rudolf Steiners suchen, haben es schwer, sehr schwer sogar. Erleben sie doch immer wieder, dass dort, wo "Anthroposophie" draufsteht, wohl Verschiedenes drin sein kann, in den meisten Fällen aber alles andere drin ist als – Anthroposophie. Nun, so könnte man meinen, gehört genau das zu einer Suche: dass man nur dann Suchender bleibt, wenn man nicht fündig wird. Dass man also, z.B. beim Lesen der vielen Artikel der zahlreichen anthroposophischen Zeitschriften und Zeitungen, erlebt: nein, das ist es auch nicht, wonach ich suche. Erfährt man doch so nur umso stärker, dass die Anthroposophie Rudolf Steiners eben tatsächlich nur bei Rudolf Steiner zu finden sein kann, dass sich aber das suchende Streben danach - gerade im Lesen der Gedanken anderer - verstärkt und verfeinert.

Doch fruchtbar – und vor allem ehrlich - wird die Suche nur dort sein können, wo sie nicht nur im Leser lebt, sondern auch im Autor. Wenn dagegen in einem Autor diese Suche nicht vorhanden ist, dieser Autor aber dennoch – aus welchen Gründen auch immer – über Anthroposophie und Rudolf Steiner zu schreiben sich bemüssigt, dann kann nur das erfahren werden, was heute ja so Alles überragend geworden ist: nämlich Unwahrhaftigkeit, Unehrlichkeit. – Es ist wohlbekannt, dass es andere als die von Ihnen geführte Zeitschriften gibt, die ihre Seiten mit den Artikeln solcher Autoren füllen. Dass aber mittlerweile auch "Das Goetheanum" von Menschen geschrieben wird, die mit der Anthroposophie Rudolf Steiners einfach gar nichts am Hut haben, dies dürfte vielen Ihrer Leser, sehr geehrtes Redaktionskollegium, allerdings neu sein. Und dies ist auch der Grund dafür, warum ich mich zum Schreiben dieses offenen Briefes durchgerungen habe.

Seit Januar diesen Jahres beginnt ein Mann die Seiten Ihres Blattes zu füllen, dessen ungeheuer rasanter und umfassender Einzug in den anthroposophischen Blätterwald einem aufmerksamen Leser nicht entgangen sein dürfte: Roland Benedikter. Besonders in den letzten Wochen erscheint er in den meisten Ausgaben der Wochenschrift, und zwar in der Regel als der Verfasser der Leitartikel. Doch hat "Das Goetheanum" diesen Autor bisher nicht vorgestellt, stattdessen aber die bei Goetheanum-Lesern als etwas anrüchig geltende "Info3", die ihm, und vor allem dem hinter ihm stehenden Ken Wilber, beinahe zwei ganze Hefte widmete. - Wer also ist Roland Benedikter, und wer ist vor allem Ken Wilber, der ersterem ja augenscheinlich erst jene Substanz verleiht, die ihn – zumindest in den Augen der Redaktion – für "Das Goetheanum" interessant zu machen scheint?

Ken Wilber, Jahrgang 1949, gilt als Begründer des neuen "integralen Denkens", das Wissenschaft mit Spiritualität verbinden soll. Er ist einer der meistübersetzten akademischen Autoren der USA und will die Vorstellungen des New Age, der Psychologie und des Materialismus endgültig miteinander "versöhnen". Im Mittelpunkt der Theorien des jahrzehntelangen Zen-Praktikers steht die der sogenannten "vier Quadranten": jedes Holon (Begriff für "Ganzes") hat vier verschiedene Perspektiven, denen Wilber vier Quadranten zuordnet: die individuelle Innenperspektive (oder das "individuelle oder subjektive Ich": die spirituelle Erkenntnis-Ebene) befindet sich oben links; die individuelle Aussenperspektive (oder das "individuelle Wir": die neuro-biologische Erkenntnisebene) ist oben rechts; die kollektive Innenperspektive (das "kollektive Ich": die soziale, kulturelle und soziologische Ebene) unten links und die kollektive Aussenperspektive (das "kollektive Wir": die Ebene der ökonomischen Theorien) wieder unten rechts. Doch damit nicht genug: nicht nur in Quadranten erscheint ihm jedes Ding und jedes Wesen, sondern auch in Ebenen (wieder vier), Zuständen, Typen, Wahrheiten…

Natürlich soll und kann hier nicht die Theorie Wilbers umfassend dargestellt werden. Doch scheint mir schon auf den ersten Blick überdeutlich zu sein, dass einem Menschen, der sich der Anthroposophie Rudolf Steiners verbunden fühlt, derartige Denkformen nur in höchstem Masse konstruiert und - vor allem - lebensfremd und antiquiert vorkommen müssen. Denn was soll an diesem Versuch, Ebenen, Quadranten etc. miteinander in Beziehung zu setzten, anderes neu sein als die extrem-maschinenhafte Form, in der er auftritt? Worin besteht das Interesse eines Menschen, der "Die Philosophie der Freiheit" gelesen hat, "Die Rätsel der Philosophie", "Von Seelenrätseln" usw. – worin kann das Interesse eines solchen Menschen bestehen, wenn er den Schriften eines Ken Wilber gegenübertritt? Doch nur darin, die Werke und Schriften Rudolf Steiners wieder und wieder zu lesen, da mit jedem der sogenannten "modernen Denker" nach Rudolf Steiner nur immer klarer wird, dass es einen moderneren Denker als Rudolf Steiner gar nicht geben kann. Dass die Geistesgeschichte der Menschheit mit dem Erscheinen Rudolf Steiners auf ihrem Höhepunkt angelangt ist, und dass alle Denker, die dies ignorieren – selbst die Gegenwärtigen oder Zukünftigen – also der Vergangenheit angehören. Und dass es nur in dieser Radikalität ist – und zwar in dieser Radikalität allein – dass das wahrhaft Moderne und vollkommen Neue der Anthroposophie zu erscheinen vermag.

Was aber tut Roland Benedikter? Er fordert – in Anlehnung an das von Wilber im Jahre 2001 gegründete "Integrale Institut" - eine "anthroposophische Akademie", in der Rudolf Steiner in Beziehung zu Wilber und zu den "Errungenschaften der Postmoderne" (Jacques Derrida, Jean-Francois Lyotard, Julia Kristev, Gilles Deleuze, Paul Feyerabend) gesetzt werden soll. Es geht ihm darum, nachzuweisen, dass bei Rudolf Steiner "Zwei Dimensionen der Geist-Suche neben- und ineinander" bestehen: "Stufen-Metaphysik und nach-metaphysisches Denken, ontologisch-äusserlicher Geist (z.B. im Begriff der höheren Welten) und Geist innerhalb des Bewusstseins (z.B. im zeitgemässen Begriff der Inspiration, der der heutigen postmodernen Geistes-Verfassung wohl am kongenialsten ist.)"

Man muss nicht viel von Roland Benedikter gelesen haben, um zu bemerken, dass sein Denken wohl von Ken Wilber, nicht aber von Rudolf Steiner geprägt wurde. Und man muss nicht lange rätseln, wem oder was Benedikter dient: dem Erwecken eines wahren Interesses für Rudolf Steiner ganz gewiss nicht. Doch warum erscheinen seine Artikel dann in der von Ihnen geführten Zeitschrift? Warum erhält eine solche Stimme, die doch schon in aller Welt zu hören ist, eine weitere Plattform, auf der sie sich äussern kann? Und warum erklären Sie, sehr verehrte Mitglieder des Redaktionskollegiums, Ihren Lesen nicht, was Sie mit dem Erscheinen der Artikel Roland Benedikters bezwecken?

Mit der Bitte, diesen offenen Brief in der nächsten Nummer Ihrer Zeitschrift abzudrucken, verbleibe ich mit freundlichen Grüssen,

Irene Diet

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Von: Dietrich Rapp [mailto:dietrich.rapp@dasgoetheanum.ch]
Gesendet: Mittwoch, 25. Mai 2005 10:40
An: Irene Diet
Betreff: Re: offener Brief vom 4. Mai 05

 

Liebe Frau Diet,

Ihren offenen Brief möchten wir nicht berücksichtigen, aus zwei Gründen nicht: zum einen nimmt er seine Argumente aus Publikationen, die in der Hauptsache in Info3 erschienen sind, also das "Goetheanum" nicht betreffen; zum anderen beteiligen wir uns nicht an Pauschalverurteilungen von Personen (wo ja für unsere Leser die Grundlage für sachliche Kritik fehlt).

Mit freundlichen Grüßen,

Dietrich Rapp

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Von: Irene Diet [mailto:i.diet@unendlich-fern.de]
Gesendet: Mittwoch, 25. Mai 2005 15:06
An: 'Dietrich Rapp'
Betreff: AW: offener Brief vom 4. Mai 05

Lieber Herr Rapp, liebe Mitglieder des Redaktionskollegiums von "Das Goetheanum",

meinen Sie tatsächlich, dass ich einen Menschen verurteile, weil er sich für Ken Wilber und nicht für Rudolf Steiner interessiert? Meinen Sie nicht, dass ich auf diese Weise ungeheuer viele Menschen verurteilen müsste? Dass es mir also nur um etwas ganz anderes gehen kann?

Nämlich darum, dass ein Blatt, das sich bewusst in unmittelbare Nachfolge von Rudolf Steiner stellt, (und dies erneut – vor wenigen Tagen – im Grusswort zur Neugestaltung des Herausgebers Paul Mackay, der sogar auf den Wortlaut der von Rudolf Steiner im Jahre 1921 verfassten ‚Einladung zur Suskription’ zurückgriff!), dass also ein solches Blatt jene Autoren, denen es eben nicht um Rudolf Steiner, sondern um Ken Wilber geht, wenigstens als solche Ken-Wilber-Vertreter vorstellen müsste? Dass also ein solches Blatt zum mindesten die Wahrhaftigkeit besitzen müsste, die sogar eine Zeitung wie info3 besitzt – nämlich das offen zu legen, was es selbst tut? Meinen Sie nicht, dass dies das Geringste ist, das man von einem Blatt erwarten könnte, das sich auf Rudolf Steiner bezieht?

Dass man des Weiteren von einem solchen Blatt auch erwarten könnte, dass es nicht denen ein Sprachrohr wird, die, so wie die Wilberjaner z.B., in der ganzen Welt schon zum Sprechen gefordert werden - dies ist das nächste. Dass es einem solchen Blatt also durchaus auch darum gehen könnte, eine Plattform für jene zu bilden, die es bald gar nicht mehr geben wird: den um die Geisteswissenschaft Rudolf Steiners Ringenden nämlich. Meinen Sie nicht, dass darin durchaus die Seins-Motive eines sich in unmittelbare Nachfolge von Rudolf Steiner stellenden Blattes bestehen könnten?

Und so will ich die in meinem "offenen Brief" an Sie gestellte Frage wiederholen: Warum erklären Sie, sehr verehrte Mitglieder des Redaktionskollegiums, Ihren Lesern nicht, was Sie mit dem Erscheinen der Artikel von Roland Benedikter bezwecken? Diese Frage war und ist an Sie gerichtet, sehr verehrte Mitglieder des Redaktionskollegiums. Und dies ganz und gar unabhängig davon, ob Sie diesen Brief nun veröffentlichen oder nicht.

Mit freundlichen Grüssen,

Irene Diet

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